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Der Boden unter Bergstraße und Odenwald

Warum es an der Bergstraße Wein gibt, im Odenwald Sandstein steht und ein Kloster ausgerechnet in Lorsch liegt.

Von Redaktion RegiomelderVeröffentlicht: 27. August 2026Lesezeit: etwa 5 Minuten

Editorialer Holzschnitt: Querschnitt durch Hang und Tal mit angedeuteten Gesteinsschichten, Weinzeilen in der Ebene und Wald am Hang
Die Region ist ein Schnitt durch die Erdgeschichte: Grabenbruch, Hangzone und altes Gebirge nebeneinander. Illustration: Regiomelder; vereinfachte, schematische Darstellung
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Das Wichtigste

  • Der Odenwald ist ein altes Gebirge: Seine Wurzeln reichen über 400 Millionen Jahre zurück, der Buntsandstein im Osten ist deutlich jünger.
  • Die Bergstraße ist keine geologische Gegend, sondern eine Verwerfung: Hier bricht die Rheinebene am Odenwaldrand ab.
  • Diese Kombination erklärt Weinbau, Römerspuren, Sandsteinorte und den Standort des Klosters Lorsch.

Drei Kisten, nahtlos aneinander

Wer vom Rheintal Richtung Osten fährt, durchquert drei geologische Welten, ohne es zu merken. Erst die flache Ebene mit Weinbergen und Feldern, dann der steile Anstieg der Bergstraße, dann der Odenwald. Diese Abfolge ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Geschichte, die vor über 400 Millionen Jahren begann.

Der alte Kern: der Kristalline Odenwald

Der westliche Odenwald, der sogenannte Vordere Odenwald, besteht aus Plutoniten und Metamorphiten: Granite, Diorite, Gneise, und der Gabbro des Frankensteins, der bis zu 362 Millionen Jahre alt ist. Sie sind Zeugen einer Kontinentkollision der variskischen Gebirgsbildung vor 400 bis 320 Millionen Jahren. Durch Hebung und Abtragung gelangten diese Gesteine bis vor etwa 290 Millionen Jahren aus teils 20 Kilometern Tiefe an die Oberfläche. Ein altes Hochgebirge, abgetragen bis auf die Wurzeln.

Zwei Orte machen diese Erdgeschichte sichtbar. Der Melibokus am westlichen Rand des Odenwalds ist 517 Meter hoch und besteht aus Granit. Und das Felsenmeer bei Lautertal: Der Felsberg mit seinen 514 Metern trägt ein Blockmeer von mehr als zwei Kilometern Länge und bis zu 100 Metern Breite. Die Blöcke sind Quarzdiorit, das im Unterkarbon vor rund 350 Millionen Jahren in 12 bis 15 Kilometern Tiefe auskristallisierte. Entstanden ist das Felsenmeer nicht durch einen einzelnen Felssturz, sondern durch Wollsackverwitterung und Bodenfließen während der letzten Kaltzeit: Der Odenwald war nie vergletschert, aber dauerhaft gefroren, und die feineren Bestandteile wurden ausgewaschen, bis die großen Blöcke liegen blieben.

Die Werkstatt der Römer

Seit dem 2. bis 4. Jahrhundert arbeiteten römische Steinmetze im Felsberg, wie das Felsenmeer-Informationszentrum dokumentiert: die in Mainz stationierte 22. Legion nutzte den Stein als Steinbruch, rund 327 bearbeitete Blöcke liegen noch an den Werkplätzen im Wald, darunter die über neun Meter lange unfertige Riesensäule aus dem 4. Jahrhundert. Einzelne Säulen wurden auf Veranlassung Kaiser Konstantins nach Trier transportiert. Der Felsberg-Granit wurde unter anderem am Brunnenhaus des Heidelberger Schlosses, am Wasserbecken am Mainzer Schillerplatz und am Oppenheimer Kriegerdenkmal verbaut. Die Querschnittszeichnung zu Beginn des Beitrags zeigt das Prinzip dieser Landschaft.

Der junge Osten: der Buntsandstein

Östlich einer Linie von Groß-Umstadt bis Wald-Michelbach beginnt der Buntsandstein-Odenwald, der südlichste Anteil dieser Gesteinseinheit in Hessen. Die Sandsteine der Unteren Trias sind 252 bis 243 Millionen Jahre alt und entstanden in einem Wüstenbecken, das von Süddeutschland bis nach Norddeutschland reichte. Weite Sandflächen, einst von Wasser oder Wind sortiert, sind heute ein Tafel- und Riedelland.

Dieser Sandstein ist der meistverwendete Bausandstein Hessens, und er prägt die Fachwerkstädte des Odenwalds: Sockel, Gewände und Portale aus Sandstein, ganze Bauten aus dem roten Material. In Michelstadt steht das Alte Rathaus von 1484, ein freistehender spätmittelalterlicher Fachwerkbau mit einer ursprünglich offenen Erdgeschosshalle aus mächtigen Eichenpfosten, datiert an einem nördlichen Pfosten. In Erbach war die Keimzelle der Siedlung eine Wasserburg der Schenken von Erbach, von der der runde Bergfried aus starken Buckelquadern des frühen 13. Jahrhunderts erhalten ist.

Der Bruch: die Bergstraße

Doch der eigentliche Unterschied entsteht im Westen. Die Oberrheinebene mit dem Ried ist eine große Absenkungszone, ein Grabenbruch, dessen Entstehung vor etwa 50 Millionen Jahren begann. Im Graben lagern heute bis zu 4.000 Meter Kies, Sand und Ton. An seiner östlichen Randverwerfung, genau an der Bergstraße, bebt es noch heute immer wieder. Die Bergstraße ist also nichts anderes als die Kante zwischen fallender Ebene und steigendem Gebirge.

Diese Kante macht das Klima. Rheingraben und Bergstraße gehören nach Angaben des Geo-Naturparks zu den wärmsten und klimatisch mildesten Gebieten Deutschlands. Die Bergstraße ist die untere, warme Hangzone des Westrandes: Die Weinberge steigen in Lagen auf, die nach Westen offen sind. Dass hier Wein wächst, wussten schon die Römer, die an der Strata Montana Weinbau betrieben. Heute ist die Hessische Bergstraße mit knapp 450 Hektar bestockter Rebfläche das kleinste der 13 deutschen Weinbaugebiete; von Bedeutung sind unter anderem Ruländer, Müller-Thurgau und Grüner Silvaner. Der kalkhaltige Löss, der sich während des Quartärs am Odenwaldrand ablagerte, tat sein übriges: ein Lösshohlweg bei Heppenheim erinnert an diese Zeit. Und wer den Odenwald nur vom Rand kennt, hat womöglich schon vom Katzenbuckel gehört: Mit 626 Metern ist er die höchste Erhebung des Geo-Naturpark-Gebiets und selbst ein ehemaliger Maar-Vulkan am Südrand der Buntsandsteinhochfläche.

Der Ort, an dem alles zusammenkommt

Das Kloster Lorsch ist der beste Beweis dafür, wie sehr Geologie Siedlung bestimmt. Gegründet wurde es 764 von Gaugraf Kankor und seiner Mutter Williswinda, besiedelt von Benediktinern aus Gorze; 772 wurde es Reichskloster. Das Ursprungskloster Altenmünster lag an der Weschnitz und wird im Lorscher Codex als Kloster auf der Insel bezeichnet: im Überschwemmungsgebiet. Bereits drei Jahre später, 767, zog die Gemeinschaft auf die westlich gelegene Düne um, den heutigen Standort der Torhalle. Kein Ortswechsel aus Repräsentation, sondern aus Wasserbau: Der Ort war zu nass.

Dem Kloster wurde die Aufgabe zugewiesen, das fast unbesiedelte Waldgebiet Odenwald zu erschließen. Der Ort Reichenbach beim Felsenmeer wird am 12. Mai 1012 erstmals urkundlich genannt. Das Kloster Lorsch und Altenmünster gehören seit 1991 zum UNESCO-Welterbe. Und die Grube Messel im Landkreis Darmstadt-Dieburg ergänzt das Bild: Ihr Maarsee entstand vor etwa 48 Millionen Jahren durch eine vulkanische Explosion; in den Ölschiefern finden sich die weltweit am besten erhaltenen Fossilien des älteren Tertiärs.

  1. 400 bis 320 Mio. Jahre

    Kontinentkollision der variskischen Gebirgsbildung: Granite, Gneise und der Gabbro des Frankensteins entstehen in großer Tiefe.

  2. vor rund 290 Mio. Jahren

    Hebung und Abtragung bringen Gesteine aus bis zu 20 Kilometern Tiefe an die Oberfläche.

  3. 252 bis 243 Mio. Jahre

    Die Buntsandstein-Formation entsteht in einem Wüstenbecken, das von Süddeutschland bis nach Norddeutschland reicht.

  4. seit rund 50 Mio. Jahren

    Der Oberrheingraben senkt sich; bis zu 4.000 Meter Kies, Sand und Ton lagern sich ab, an der Bergstraße liegt die aktive Randverwerfung.

  5. 2. bis 4. Jahrhundert

    Römische Steinmetze der 22. Legion aus Mainz arbeiten im Felsenmeer; die über neun Meter lange unfertige Riesensäule entsteht im 4. Jahrhundert.

  6. 764

    Gründung des Klosters Lorsch am Ufer der Weschnitz; drei Jahre später wird es auf die westliche Düne verlegt, wo es den heutigen Standort findet.

  7. Quelle: Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald, HLNUG, kloster-lorsch.de

Was die Steine erzählen, und was nicht

Die Geologie erklärt viel, aber nicht alles. Sie erklärt die Lage der Weinberge und die Lage des Klosters. Sie erklärt, warum die Fachwerkstädte Sandsteinportale haben, und warum ausgerechnet ein Quarzdiorit-Brockenfeld zum Lehrstück für vier Epochen wurde. Sie erklärt nicht, warum manche Dörfer kleiner wurden und andere wuchsen, das ist politische und wirtschaftliche Geschichte. Wer die Landschaft also lesen will, sollte beides kennen: die Steine, die erzählen, und die Leute, die über sie entschieden. Dieses Stück ist als Erklärtext auf gedruckten und verifizierten Quellen aufgebaut; die vereinfachte Querschnittszeichnung oben ist eine redaktionelle Darstellung, kein geologisches Kartenbild.

Originalbericht

Faktenklasse A · Letzte Faktenprüfung: 27. August 2026Nächste Prüfung: 2026-11-28

Geo-Naturpark Bergstraße-Odenwald

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Autorin/Autor: Redaktion Regiomelder. Die Fakten zu diesem Beitrag stehen in einer internen Rechercheakte mit Behauptungsregister (A05.md). Alle Aussagen wurden zuletzt am 27.08.2026 an den zitierten Quellen geprüft.

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