WissenErklärstückDarmstadt

Der Beschleuniger vor der Haustür

GSI und FAIR: Was in Darmstadt-Wixhausen entsteht, was dort bereits läuft, und was der Großbrand vom Februar 2026 verändert hat.

Von Redaktion RegiomelderVeröffentlicht: 27. August 2026Lesezeit: etwa 5 Minuten

Stilisierte Illustration eines unterirdischen Rings mit Lichtspuren, darüber eine Zeichnung des Hügels und der Stadt
FAIR entsteht neben dem bestehenden GSI-Campus in Darmstadt-Wixhausen: ein Ring von 1.100 Metern Umfang, bis 17 Meter unter der Erde. Illustration: Regiomelder
WissenDer Beschleuniger vor der Haustür
Fehler melden

Das Wichtigste

  • GSI betreibt seit 1969 in Darmstadt-Wixhausen eine Ionenbeschleunigeranlage; hier wurden sechs chemische Elemente entdeckt.
  • FAIR ist die größte Erweiterung: Ein unterirdischer Ring von 1.100 Metern Umfang, umgeben von Experimentierbereichen, im Bau seit 2017.
  • Ein Großbrand im Februar 2026 hat den Hauptbeschleuniger UNILAC zerstört; FAIR selbst war nicht betroffen.
  • Die Zeitschiene ist offen: Offiziell wird mit Inbetriebnahme 2027/2028 gerechnet, ein fixes Datum gibt es nicht.

Ein Labor, das die Stadt benannt hat

Im Darmstädter Norden, im Ortsteil Wixhausen, liegt eines der selteneren Dinge der Wissenschaftsstadt: eine Anlage, die Elemente herstellt, die es auf der Erde nicht gibt. 1969 wurde die Gesellschaft für Schwerionenforschung gegründet, heute heißt sie GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung. Gesellschafter sind zu 90 Prozent der Bund, zu 8 Prozent Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen halten je 1 Prozent. Wer dort arbeitet, beschleunigt Ionen: atomare Kerne, denen einzelne Elektronen entzogen wurden.

Das ist keine graue Theorie. Zwischen 1981 und 1996 wurden in den Experimenten sechs neue Elemente erzeugt, die Nummern 107 bis 112. Das Element 110 heißt Darmstadtium, benannt nach der Stadt; das 108. trägt mit Hassium den Namen Hessens. Die Belege dafür sind bei GSI dokumentiert, samt Erstnachweis-Daten und dem Jahr, in dem die Internationale Union für reine und angewandte Chemie die Namen offiziell bestätigte. Elemente 113 bis 117, die in Japan und Russland entdeckt wurden, konnte GSI bestätigen. Wer in den Chemieunterricht schaut, sieht also ein Stück Nachbarschaft.

Die Maschinen: eine Treppe nach oben

Der Weg eines Ions durch die Anlage gleicht einer Treppe. Am Anfang steht die Ionenquelle. Der Linearbeschleuniger UNILAC gibt den Ionen auf 120 Metern Länge bis zu 20 Prozent der Lichtgeschwindigkeit; die ersten Experimente wurden hier 1975 gefahren. Danach übernimmt der Ringbeschleuniger SIS18 mit 216 Metern Umfang, der die Teilchen auf bis zu 90 Prozent der Lichtgeschwindigkeit bringt, und der Experimentierspeicherring ESR lässt sie für Präzisionsexperimente kreisen. Eine bemerkenswerte Frucht dieses Betriebs: 1997 wurde bei GSI erstmals ein Mensch mit Kohlenstoffionen behandelt, die heutige Partikeltherapie hat hier einen ihrer Ursprünge.

Schema der Beschleunigerkette: Ionenquelle, UNILAC, SIS18 und ESR beim GSI, daneben der geplante FAIR-Ring SIS100 mit vier Experimentierbereichen
Schematische Darstellung der Stufen mit Maßangaben nach offiziellen Angaben von GSI und FAIR. Schema: Regiomelder nach GSI und FAIR

FAIR: das große Projekt nebenan

Seit 2017 entsteht neben dem GSI-Campus die Anlage FAIR, die Facility for Antiproton and Ion Research. Auf rund 150.000 Quadratmetern werden 25 Gebäude gebaut, 600.000 Kubikmeter Beton und 65.000 Tonnen Stahl wurden verbaut, der Tunnel für den Hauptring SIS100 liegt bis zu 17 Meter unter der Erde. Der Ring hat 1.100 Meter Umfang, ist supraleitend, wird auf minus 269 Grad gekühlt und soll Ionen auf 99 Prozent der Lichtgeschwindigkeit bringen. Vier Forschungssäulen schließen an den Ring an: NUSTAR, CBM, PANDA und APPA. Sie untersuchen Kerne, Extremzustände der Materie, starke Wechselwirkung und Anwendungen.

Die Finanzierung ist ein Flickenteppich internationaler Beiträge: Das Gesamtbudget beträgt rund 3,3 Milliarden Euro, inklusive der sogenannten In-Kind-Leistungen aller Partner. Deutschland hält rund 70 Prozent der Anteile an der FAIR GmbH, finanziert Bund und Land im Verhältnis 6,5 zu 1. Für das erste Betriebsjahr 2029 rechnet die Landesregierung mit Betriebskosten von rund 263 Millionen Euro. 3.000 Forschende aus 50 Ländern werden erwartet, die Nutzergemeinschaft der Anlage.

Der 5. Februar 2026: Was der Brand bedeutet

Am 5. Februar 2026 hat ein Großbrand das UNILAC-Gebäude zerstört. Menschen kamen nicht zu Schaden, die FAIR-Baustelle war nicht betroffen, aber der geplante Probelauf für die Inbetriebnahme wurde verschoben. Die Folge ist schwerwiegender als eine Verzögerung: Ohne den UNILAC fehlt der Anlage die erste Stufe der Beschleunigerkette. GSI teilte am 30. Juli 2026 mit, der UNILAC sei für mehrere Jahre außer Betrieb, und stellte die Zwischenlösung PARTIH vor: eine umgebaute Anlage namens HITRAP, die künftig Kohlenstoff-Ionen mit 4 Megaelektronenvolt pro Nukleon in den SIS18 liefern soll, installiert bis Anfang 2027. Damit, so GSI, werde die erste Inbetriebnahme von FAIR mit Strahl 2027 und 2028 angestrebt.

  1. 17. Dezember 1969

    Gründung der Gesellschaft für Schwerionenforschung mbH; seit 2008 GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung.

  2. 1975

    Erste Experimente am Linearbeschleuniger UNILAC, der Ionen auf 120 Metern Länge auf bis zu 20 Prozent der Lichtgeschwindigkeit bringt.

  3. 1981 bis 1996

    Bei GSI entstehen die sechs neuen Elemente 107 bis 112, darunter Darmstadtium (1994, benannt nach der Stadt); die offizielle Benennung durch die IUPAC erfolgt 1997 bis 2010.

  4. 1990

    Inbetriebnahme der Ringbeschleuniger SIS18 (216 Meter Umfang) und ESR (108 Meter).

  5. 1997

    Erste Behandlung eines Menschen mit Kohlenstoffionen am GSI-Therapieplatz, Vorläufer der heute üblichen Partikeltherapie.

  6. 2017

    Spatenstich für FAIR: auf rund 150.000 Quadratmetern entstehen 25 Gebäude, zwei Millionen Kubikmeter Erdaushub, 600.000 Kubikmeter Beton.

  7. 5. Februar 2026

    Großbrand im UNILAC-Gebäude. Kein Personenschaden, die FAIR-Baustelle ist nicht betroffen, der geplante Probelauf wird verschoben.

  8. 30. Juli 2026

    GSI stellt die Zwischenlösung PARTIH vor: ein umgebauter Strahl führt bis Anfang 2027 Kohlenstoff-Ionen in den SIS18; damit wird die erste Inbetriebnahme von FAIR mit Strahl 2027 und 2028 angestrebt.

  9. Quelle: GSI-Website, Land Hessen, FAIR GmbH

Wer hier forscht, und woran

Die Anlage ist kein Selbstzweck. Jährlich nutzen rund 1.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die GSI-Anlagen, kooperiert das Institut mit etwa 400 Partnerinstituten aus mehr als 50 Ländern. Der Dienstleistungsgedanke ist dabei institutionalisiert: Wer einen Strahl benötigt, beantragt Messzeit, und die besten Anträge bekommen die Zeit. Mit FAIR kommt die Nutzergemeinschaft auf rund 3.000 Forschende aus 50 Ländern. Was dort untersucht wird, klingt für Nichtphysiker nach Alchemie, ist aber nüchterne Grundlagenforschung: Wie entstehen Elemente in Sternen? Wie verhalten sich Materie und Antimaterie? Wie sieht der Zustand einer Materie aus, die kurz nach dem Urknall existiert haben könnte? Die vier Forschungssäulen NUSTAR, CBM, PANDA und APPA gruppieren diese Fragen. Für die Region zählt eine einfachere Konsequenz: Es entsteht ein Arbeitsplatz, der Fachkräfte von außen zieht, und das in einem Umfeld, das mit der Stadt schon über 50 Jahre verbunden ist.

Ein Teil der Geschichte ist international, und internationale Forschung ist nicht immun gegen Politik: Seit dem 17. März 2022 haben die europäischen FAIR-Gesellschafter die Zusammenarbeit mit Russland suspendiert, dessen Institut in der Gesellschafterliste weitergeführt wird. Die Anlage ist damit nicht nur ein physikalisches, sondern auch ein politisches Projekt, und jede Aussage über die Kosten ist eine Aussage über Kooperation. Die Redaktion führt diesen Punkt bewusst auf: Wer über FAIR spricht, sollte wissen, dass ein Teil des Projekts auf geteilten Entscheidungen beruht, und dass solche Entscheidungen auch rückgängig gemacht werden können.

Was sich aus den Quellen ergibt

Wichtig ist, die Zeitangaben nicht zu glätten. Die Landesregierung rechnete im Mai 2025 mit einem Betriebsbeginn Ende 2028; die FAIR-Gesellschafter nannten als Ziel im Dezember 2024 das Programm First Science Plus bis 2028; die GSI sagt mit Datum vom 30. Juli 2026: erste Inbetriebnahme mit Strahl 2027 und 2028; in der Presse wird von Ende 2027 berichtet. Diese vier Aussagen sind nicht derselbe Zeitpunkt, und keine davon ist ein amtlicher fixes Datum. Ein fixes Datum ist derzeit nicht belastbar belegt. Genau deshalb schreiben wir hier keine Zahl fest, sondern nennen die Spanne, die offiziellen Quellen entstammt, und verweisen auf die Quellenakte.

Gleiches gilt für die Beschäftigtenzahlen: Die Landesregierung nennt im Mai 2025 einen Anstieg von 600 auf 1.600 Personen seit FAIR-Beginn, die GSI-Seite nennt 1.740 Mitarbeitende ohne Datum, die FAIR-Seite 1.800 für GSI und FAIR zusammen. Unterschiedliche Stichtage und Zählweisen, keine Absicht zur Täuschung. Für ein Magazin, das auf Genauigkeit setzt, ist das eine ehrliche Aussage: Je nach Quelle und Stichtag liegt die Belegschaft zwischen 1.600 und 1.800 Menschen, und alle Angaben sind so gekennzeichnet.

Der Beschleuniger vor der Haustür bleibt damit ein Projekt, das man in zwei Welten lesen kann: In der einen stehen Rekorde, Nobelpreis-verwandte Entdeckungen und ein internationaler Bau von gewaltigem Umfang. In der anderen stehen ein Brand, eine große Reparatur und ein Zeitplan, der sich nicht auf einen Punkt festlegen lässt. Beides gehört zu Wixhausen, und beides erzählt die Redaktion so, wie es belegt ist. Wer verstehen will, was im selben Darmstadt noch im Orbit passiert, dem sei der Blick auf ESOC empfohlen, und wer wissen will, warum der Westrand des Odenwalds so geformt ist, wie er ist, findet Antworten im Geologie-Beitrag.

Originalbericht

Faktenklasse A · Letzte Faktenprüfung: 27. August 2026Nächste Prüfung: 2026-11-28

GSI / FAIR

Zur Recherche

Autorin/Autor: Redaktion Regiomelder. Die Fakten zu diesem Beitrag stehen in einer internen Rechercheakte mit Behauptungsregister (A04.md). Alle Aussagen wurden zuletzt am 27.08.2026 an den zitierten Quellen geprüft.

Eine Aussage fehlt? Schreiben Sie uns über Fehler melden. Regiomelder korrigiert datiert und protokolliert Änderungen.