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Das Urwald-Delta am Rhein: Wie der Kühkopf zur Wildnis wurde

Ein 2.400 Hektar großes Auengebiet im Kreis Groß-Gerau: Nach dem Tullaschen Rheindurchstich 1828/29 und dem Deichbruch von 1983 entstand am Altrhein das größte Naturschutzgebiet Hessens. Heute ist das Areal Rückzugsort für Biber, Schwarzmilane und 1.500 Käferarten, fasst bei Hochwasser 40 Millionen Kubikmeter Wasser und trotzt der sommerlichen Dürre im Ried.

Von Redaktion RegiomelderVeröffentlicht: 29. August 2026Lesezeit: etwa 5 Minuten

Stilisierte redaktionelle Illustration der Kühkopf-Auenlandschaft: knorrige Weiden und alte Eichen an einem stillen Altrheinarm mit Schilf und Reiher im weichen Spätsommerlicht
Der Stockstadt-Erfelder Altrhein umschließt den Kühkopf auf 16 Kilometern Länge. Die Weich- und Hartholzauen bilden den größten zusammenhängenden Auwaldkomplex in Hessen. Illustration: Regiomelder; stilisierte Darstellung nach Motiven der hessischen Rheinaue
DraußenDas Urwald-Delta am Rhein: Wie der Kühkopf zur Wildnis wurde
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Wer die hölzerne Stockstädter Brücke überquert, lässt den geordneten Rhythmus des südhessischen Rieds hinter sich. Auf der anderen Seite des Altrheinarms endet der Straßenverkehr. Keine Autos, keine asphaltierten Schneisen, keine Gewerbegebiete. Stattdessen öffnet sich eine Landschaft, die in Mitteleuropa fast überall verschwunden ist: ein ausgedehnter Auenwald, in dem umgestürzte Baumriesen im Wasser vermodern, armdicke Lianen der Wilden Weinrebe von den Kronen herabhängen und der Schlamm der letzten Flut die Wege säumt.

Das Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue erstreckt sich über 2.378 Hektar in den Gemarkungen der Kommunen Riedstadt, Stockstadt am Rhein und Biebesheim. Es ist das flächengrößte Naturschutzgebiet Hessens. Dass dieser Raum heute als europäisches Urwald-Reservat gilt, verdankt er zwei historischen Ereignissen: einem kühnen flussbaulichen Experiment im 19. Jahrhundert und einer Naturkatastrophe im Winter 1983.

Die Geburt einer Flussinsel

Vor zweihundert Jahren bot das Hessische Ried ein gänzlich anderes Bild. Der Oberrhein war kein begradigter Schifffahrtsweg, sondern ein unberechenbares Stromgewirr aus Inseln, Kiesbänken und weit ausgreifenden Schleifen. Wiederkehrende Uferabbrüche vernichteten wertvolles Ackerland; verheerende Überschwemmungen bedrohten die Dörfer.

Im Zuge der von Johann Gottfried Tulla im benachbarten Baden begonnenen Flusskorrektion beauftragte das Großherzogtum Hessen seinen Oberbaudirektor Claus Kröncke mit der Zähmung der großen Stromschleife bei Stockstadt. Am 31. März 1828 begannen die Bauarbeiten. Kröncke ließ jedoch keinen vollständigen neuen Stromkanal ausbaggern. Die Arbeiter hoben lediglich eine sieben Meter schmale Initialrinne quer durch den Hals der Flussschlinge aus.

Als das Wasser am 30. April 1829 in den Graben eingelassen wurde, übernahm die Wucht des Rheins das eigentliche Werk. Binnen weniger Wochen erodierte die Strömung das Flussbett auf die volle Strombreite. Der vormalige Hauptstrom verlor seinen Durchfluss und wandelte sich zu einem 16 Kilometer langen, ruhigen Altarm. Der 1.700 Hektar große Inselkörper des Kühkopfs war geboren, fortan linksrheinisch vom Festland abgeschnitten.

  1. 31. März 1828

    Beginn der Erdarbeiten für den Rheindurchstich unter Leitung des hessischen Oberbaudirektors Claus Kröncke. Eine Initialrinne von sieben Metern Breite wird ausgehoben.

  2. 30. April 1829

    Flutung des neuen Flussbetts. Die Strömung weitet die Rinne selbstständig auf; der Kühkopf wird zur linksrheinischen Insel, die 16 Kilometer lange Rheinschleife zum Altrhein.

  3. 1952 bis 1994

    Erdölförderung im Feld Stockstadt auf der Insel: Über 47 Tiefbohrungen fördern mehr als eine Million Tonnen Rohöl zutage.

  4. Februar 1983

    Katastrophales Rheinhochwasser. Der Sommerdeich an der Südwestspitze bricht, reißt einen zwölf Meter tiefen Kolk und spült Sand über 50.000 Quadratmeter Ackerland.

  5. 1983 bis 1984

    Grundsatzentscheidung des Landes Hessen: Verzicht auf die Deichreparatur. 300 Hektar Agrarland werden aufgegeben, 140 Hektar entwickeln sich zu Stromtalwiesen.

  6. 2005

    Vollständige Einstellung der forstwirtschaftlichen Holznutzung. Das gesamte Areal wird zum nutzungsfreien Prozessschutzgebiet.

  7. Quelle: Hessisches Forstamt Groß-Gerau, Regierungspräsidium Darmstadt, BUND Hessen

Über anderthalb Jahrhunderte blieb die Insel ein intensiv bewirtschafteter Raum. Ein Sommerdeich schützte fruchtbare Getreideäcker, Viehweiden und Nutzwälder vor kleineren Hochwassern. Zwischen 1952 und 1994 förderte die Erdölindustrie aus dem Feld Stockstadt über 47 Tiefbohrungen mehr als eine Million Tonnen Rohöl aus dem Untergrund. Der Kühkopf war eine produktive Kulturlandschaft, kein Urwald.

Der Deichbruch von 1983

Die Wende vollzog sich in den Februartagen des Jahres 1983. Ein extremes Rheinhochwasser drückte mit gewaltiger Last gegen die Schutzbauten. An der Südwestspitze der Insel gab der Sommerdeich dem Wasserdruck nach. Die Fluten strömten mit rasender Geschwindigkeit auf das Areal, rissen an der Bruchstelle einen zwölf Meter tiefen Ausspülungskolk in den Boden und überlagerten rund 50.000 Quadratmeter Ackerfläche mit meterdicken Sand- und Kiesschichten.

Angesichts der immensen Wiederaufbaukosten und des wachsenden ökologischen Problembewusstseins traf das Land Hessen eine wegweisende Entscheidung: Der Deich wurde nicht repariert. Stattdessen stellte das Land die landwirtschaftliche Bewirtschaftung auf 300 Hektar komplett ein.

Was folgte, war eines der spektakulärsten Renaturierungsexperimente Deutschlands. Rund 140 Hektar vormaliger Äcker wandelten sich ohne künstliche Einsaat durch reine natürliche Besiedlung in artenreiche Stromtalwiesen. Mit dem Hochwasser eingetragene Pflanzensamen keimten auf dem Schlamm; seltene Arten wie der Kanten-Lauch (Allium angulosum) und die Sumpf-Wolfsmilch fassten wieder Fuß. Als HessenForst im Jahr 2005 auch die forstwirtschaftliche Holznutzung endgültig einstellte, wurde der Kühkopf zum reinen Prozessschutzgebiet erklärt. Seither gilt das Prinzip: Die Natur gestaltet sich selbst.

Dschungel der Hartholzaue

Wer heute durch das Schutzgebiet wandert, erlebt den hydrologischen Aufbau einer intakten Flusslandschaft. Nahe am Wasser dominiert die Weichholzaue: Silberweiden, Mandelweiden und Relikte der seltenen Echten Schwarz-Pappel widerstehen Überschwemmungen, die mehr als hundert Tage im Jahr anhalten können. Historische Kopfweidenbestände nehmen rund 280 Hektar ein. Ihre knorrigen, hohlen Stämme bieten Quartiere für Fledermäuse, Steinkäuze und seltene Totholzkäfer.

Flächenverteilung der Biotoptypen im NSG Kühkopf-Knoblochsaue

Einheit: Hektar · 5 Werte

Datentabelle zum Diagramm „Flächenverteilung der Biotoptypen im NSG Kühkopf-Knoblochsaue“ in Hektar
WertZahl (Hektar)
Auwaldkomplex (Hart- und Weichholzaue)620
Kopfweidenbestände (Biotopholz)280
Röhrichte und Großseggenriede180
Stromtalwiesen (Sukzession seit 1983)140
Flachwasser- und Altwasserrinnen220

Quelle: Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) / RP Darmstadt. Flächenangaben basieren auf der Biotoptypenkartierung des FFH-Gebiets 6116-350 (Gesamtfläche 2.378 ha). Altwasser- und Schilfzonen variieren saisonal mit dem Rheinwasserstand.

Auf den höher gelegenen Uferwällen schließt sich die Hartholzaue an. Dieser Lebensraumtyp nach europäischem FFH-Recht (Code 91F0) ist in Hessen nirgendwo so großflächig und vital erhalten wie auf dem Kühkopf. Alte Stieleichen, Flatterulmen und Eschen bilden ein dichtes Kronendach. Dazwischen ranken die Wild-Rebe und Waldreben empor, deren dicke Stämme dem Wald einen subtropischen Charakter verleihen.

In den morschen Stämmen des Hartholzwalds leben über 1.500 Käferarten, darunter Urwaldrelikte wie der Eremit, der Hirschkäfer und der Heldbock. Der Europäische Biber, der Ende der 1980er Jahre wiederangesiedelt wurde, hat die Altwasserrinnen flächendeckend besiedelt. Ornithologisch ist das Gebiet von internationalem Rang: Mit rund 35 Brutpaaren weist der Schwarzmilan hier eine der höchsten Siedlungsdichten Mitteleuropas auf. Eine Graureiherkolonie zählt rund 180 Paare, während der scheue Mittelspecht in den alten Eichenforsten mehr als 130 Reviere besetzt.

Das Schutzventil für das Rhein-Main-Gebiet

Der Verzicht auf Deiche erfüllt neben dem Artenschutz eine fundamentale technische Aufgabe. Bei Rheinhochwasser verwandelt sich der gesamte Kühkopf in einen natürlichen Schwamm. Rund 2.400 Hektar Fläche werden ungesteuert geflutet und nehmen bis zu 40 Millionen Kubikmeter Wasser auf.

Zur Einordnung der Daten. Alle hydrologischen Daten, Hektarangaben und Tierbestände entstammen den Erhaltungszielen der Oberen Naturschutzbehörde beim Regierungspräsidium Darmstadt, den Fachberichten des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie sowie den Schautafeln des Umweltbildungszentrums Schatzinsel Kühkopf.

Dieser Rückhalteraum bremst die Flutwelle auf ihrem Weg nach Norden. Hydrodynamische Berechnungen belegen, dass die Überflutung des Kühkopfs den Scheitelwasserstand am stromabwärts gelegenen Pegel Worms um bis zu 17 Zentimeter senken kann. Was nach wenig klingt, entscheidet bei Extremereignissen darüber, ob die Deiche in nachgelagerten Industrie- und Wohngebieten von Mainz, Wiesbaden und Frankfurt halten oder überflutet werden.

Doch das Ökosystem steht unter Stress. Die zunehmenden Trockenphasen der vergangenen Jahre und die intensive Grundwasserförderung zur Trinkwasserversorgung der Metropolregion Rhein-Main senken den Grundwasserspiegel im Hessischen Ried ab. Den alten Stieleichen fehlt in trockenen Sommern der kapillare Anschluss an das Bodenwasser; Kronenverlichtungen und vorzeitiges Absterben sind die sichtbare Folge.

Schnaken, Schutzregeln und sanfter Besuch

Die Wildnis des Kühkopfs erfordert klare Regeln für Mensch und Natur. Ein wiederkehrendes Konfliktfeld ist die sommerliche Stechmückenplage (Aedes vexans). Die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage bringt nach Sommerüberflutungen den biologischen Eiweißwirkstoff Bacillus thuringiensis israelensis (BTI) aus. Naturschutzverbände kritisieren den Einsatz, da das Mittel auch Zuckmückenlarven dezimiert, die eine unverzichtbare Nahrungsgrundlage für Jungfische, Libellen und Vögel darstellen. Das Regierungspräsidium Darmstadt handhabt Genehmigungen im Naturschutzgebiet daher unter strengen Auflagen.

Für Besucherinnen und Besucher ist der Kühkopf ganzjährig geöffnet, allerdings gelten strikte Vorschriften zum Schutz der Tierwelt:

Das Verlassen der markierten Wege ist untersagt, Hunde müssen ausnahmslos an die kurze Leine, und der Einsatz von Drohnen sowie offenes Feuer sind verboten.

Zentraler Ausgangspunkt für Touren ist das Umweltbildungszentrum Schatzinsel Kühkopf im denkmalgeschützten Nordflügel des Hofguts Guntershausen bei Stockstadt. Dort vermittelt eine moderne Dauerausstellung die Auenökologie und Flussgeschichte an interaktiven Modellen. Von dort aus erschließt der rund 16 Kilometer lange Auenlehrpfad der Schatzinsel Kühkopf an 19 beschilderten Stationen die Dynamik der alten Altrheinarme, Kolke und Stromtalwiesen. Wer die Insel zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkundet, erfährt hautnah, wie verletzlich und zugleich gewaltig die wiedererlangte Wildnis Südhessens ist.

Originalbericht

Faktenklasse A · Letzte Faktenprüfung: 29. August 2026Nächste Prüfung: 2026-11-29

Auenlehrpfad und Umweltbildungszentrum Schatzinsel Kühkopf (HessenForst)

Zur Recherche

Autorin/Autor: Redaktion Regiomelder. Die Fakten zu diesem Beitrag stehen in einer internen Rechercheakte mit Behauptungsregister (A10.md). Alle Aussagen wurden zuletzt am 29.08.2026 an den zitierten Quellen geprüft.

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