Der Stromhunger im Ried
174 Megawatt Dauerlast, 30 Meter Wandhöhe und 1.600 Gigawattstunden Abwärme: Warum Groß-Gerau ein 2,5-Milliarden-Vorhaben stoppte und wie der Rechenzentren-Boom das Hessische Ried an seine Belastungsgrenzen führt.

Wenn im Sitzungssaal des Groß-Gerauer Stadthauses über Bauanträge debattiert wird, geht es meist um vertraute kommunale Maßstäbe: die Erweiterung eines Gewerbegebiets an der Bundesstraße, Geschossflächenzahlen für Mehrfamilienhäuser oder Stellplatzsatzungen. Am Dienstagabend des 3. Februar 2026 lagen die Dimensionen jedoch jenseits aller lokalen Gewohnheiten. Zur Abstimmung stand ein Vorhaben des US-amerikanischen Betreibers Vantage Data Centers. Auf dem Areal „Lausböhl“, einem rund 14 Hektar großen ehemaligen Autoumschlagsplatz nahe dem Bahnhof Dornberg, sollten bis zu fünf monotone Hallenkomplexe mit einer Höhe von 30 Metern entstehen. Die geplante Investitionssumme: rund 2,5 Milliarden Euro. Die veranschlagte elektrische Anschlussleistung: 174 Megawatt.
Nach fast zweistündiger, hochgradig sachlicher Debatte stimmten die Groß-Gerauer Stadtverordneten mit 18 zu 14 Stimmen gegen die Aufnahme weiterer Vertragsverhandlungen. Eine breite Mehrheit aus SPD, Bündnis 90/Die Grünen, FDP, Freien Wählern und der Linken lehnte das Projekt ab; lediglich die Fraktionen von CDU und Kombi-FWG votierten für das Vorhaben. In einer Region, die seit Jahrzehnten um jeden Gewerbesteuer-Euro ringt und die Nachwirkungen des industriellen Strukturwandels spürt, markiert dieser Beschluss eine Zäsur: Das Hessische Ried verweigert sich dem unkontrollierten Rollout jener gigantischen Serverhallen, die das benachbarte Frankfurt längst an die Grenzen seiner physischen Belastbarkeit gebracht haben.
Der Ausweichdruck aus der Metropole
Um zu verstehen, warum globale Investmentfonds ausgerechnet auf die Acker- und Konversionsflächen im Kreis Groß-Gerau drängen, genügt ein Blick auf die europäische Datenkarte. Rund um den Internetknoten DE-CIX in Frankfurt am Main schlägt das digitale Herz des Kontinents. Doch im Frankfurter Stadtgebiet, in den klassischen Server-Hotspots von Sossenheim über das Gallus bis Fechenheim, ist der Raum erschöpft. Baugrundstücke sind Mangelware, und die städtischen Umspannwerke können Neuanträge im dreistelligen Megawattbereich vielerorts erst nach jahrelangen Trassenertüchtigungen bedienen.
Die logische Folge ist ein massiver Ausweichdruck in den südlichen Speckgürtel. Die Route der Serverhallen zeichnet dabei exakt die großen Verkehrs- und Energietrassen nach. Zunächst wuchs der Cluster im Norden des Landkreises: Im Gewerbegebiet Mönchhof zwischen Raunheim und Kelsterbach reiht sich längst eine Serverburg an die nächste, begünstigt durch die Nähe zum Frankfurter Flughafen und direkte Einspeisepunkte in das Höchstspannungsnetz. Auch in Rüsselsheim am Main, wo die Transformation der historischen Opel-Werksflächen neue Gewerberäume freisetzt, klopfen die Projektentwickler im Monatsrhythmus an die Türen des Rathauses.
Groß-Gerau sollte der nächste logische Meilenstein dieser Südwanderung sein. Doch im Unterschied zu reinen Flughafen-Logistikzonen berührt die Kreisstadt die gewachsene Siedlungs- und Naturlandschaft des Rieds.
Die Physik einer Serverhalle
Die Skepsis der Kommunalpolitiker speiste sich nicht aus Technikfeindlichkeit, sondern aus physikalischen Kennzahlen, die jedes gewohnte städtische Verhältnis sprengen. Ein Rechenzentrum mit einer IT-Leistung von 174 Megawatt arbeitet, anders als normale Industrie- oder Handwerksbetriebe, nicht im Einschichtbetrieb. Es zieht seine Leistung rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, mit einem Lastfaktor von nahezu 1,0.
Rechnerisch summiert sich dieser Dauerbezug auf einen jährlichen Strombedarf von rund 1,4 bis 1,5 Terawattstunden (TWh). Das ist mehr elektrische Energie, als alle rund 280.000 Einwohnerinnen und Einwohner des gesamten Landkreises Groß-Gerau zusammen in ihren Wohnungen und Häusern verbrauchen. Übertragungsnetzbetreiber wie die Amprion GmbH sowie regionale Verteilnetzbetreiber wie die Überlandwerk Groß-Gerau GmbH (ÜWG) und die Syna GmbH stehen vor der Aufgabe, diese gewaltigen Stromflüsse über Freileitungen und neue Umspannwerke heranzuschaffen. Wenn Netzkapazitäten fehlen, greifen Projektentwickler mitunter zu Notlösungen: Im Rhein-Main-Umland wurden bereits temporäre Gaskraftwerke und riesige Dieselgenerator-Batterien diskutiert, um Serverhallen vorzeitig ans Netz zu bringen, bevor die Hochspannungstrassen fertiggestellt sind.
Das juristische Paradoxon im Energieeffizienzgesetz
Neben dem Stromhunger bildete die thermische Realität des Projekts den Dreh- und Angelpunkt der Groß-Gerauer Ablehnung. Was an elektrischer Leistung in einen Server hineinfließt, verlässt das Gebäude ausnahmslos als Wärme. Bei einer Auslastung von 174 Megawatt hätte der Campus am Lausböhl jährlich über 1.600 Gigawattstunden (GWh) Abwärme erzeugt.
Auf dem Papier des Bundesgesetzblatts liest sich diese Zahl wie ein Geschenk für die Wärmewende. Das im November 2023 novellierte Energieeffizienzgesetz (EnEfG) formuliert in § 11 strikte Auflagen: Rechenzentren, die ab dem 1. Juli 2026 in Betrieb gehen, müssen einen PUE-Wert (Power Usage Effectiveness) von höchstens 1,2 einhalten und mindestens 10 Prozent ihrer Abwärme wiederverwenden. Ab Juli 2027 steigt diese Quote auf 15 Prozent, ab Juli 2028 auf 20 Prozent.
Doch das Gesetz leidet an einem grundlegenden Konstruktionsfehler: Es normiert eine Pflicht zur Abwärmenutzung für die Betreiber, verpflichtet aber weder Kommunen noch Stadtwerke zur Abnahme. Im Groß-Gerauer Stadthaus wurde schnell deutlich, warum: Die Abluft konventioneller Serverräume tritt mit einer Temperatur von lediglich 28 bis 38 Grad Celsius aus. Um diese Niedertemperaturwärme in ein städtisches Fernwärmenetz einzuspeisen, sind gewaltige industrielle Großwärmepumpen nötig, die das Wasser auf Vorlauftemperaturen von 75 bis 85 Grad Celsius anheben.
Hinzu kommt die Diskrepanz der Jahreszeiten: Rechenzentren produzieren ihre Wärme kontinuierlich im Juli ebenso wie im Januar. Wohnungen benötigen Heizenergie jedoch fast ausschließlich in den Wintermonaten. Rechnerisch überstiegen die 1.600 GWh des Lausböhl-Projekts den gesamten Heizwärmebedarf des privaten Wohnungsbestands von Groß-Gerau um ein Vielfaches. Um auch nur einen Bruchteil dieser Wärme nutzbar zu machen, hätte die Kreisstadt auf eigenes finanzielles Risiko ein komplett neues, dreistelliges Millioneninvestitionen schweres Nahwärmenetz aufbauen müssen. Für eine Kommune unter Haushaltskonsolidierung ein unkalkulierbares Wagnis.
Fruchtbare Böden gegen leere Betonburgen
Zu den physikalischen und juristischen Hürden gesellten sich handfeste Bedenken für das alltägliche Lebensumfeld. Der Standort Lausböhl liegt in einer für die Durchlüftung der Stadt unverzichtbaren Kaltluftschneise. Hätten die 30 Meter hohen Wandriegel diesen Korridor abgeriegelt, hätte sich das Lokalklima im Stadtteil Dornberg in heißen Sommern spürbar aufgeheizt. Umweltverbände wie der BUND Hessen verwiesen zudem auf den Lärm: Tausende Ventilatoren auf den Dächern laufen Tag und Nacht, um die Prozesswärme an die Umgebung abzugeben.
Im Hessischen Ried, dessen fruchtbare Löss- und Sandböden seit Generationen die Grundlage für intensiven Gemüse- und Sonderkulturanbau bilden, wiegt auch der Flächenverbrauch schwer. Der Regionalbauernverband Starkenburg warnt seit geraumer Zeit vor der schleichenden Umwidmung landwirtschaftlicher Nutzflächen in Gewerbegebiete. Wo ein Rechenzentrum einmal betoniert ist, geht der Boden für Generationen verloren. Auch die Frage der Kühlung bereitet Sorgen: Zwar setzen moderne Betreiber zunehmend auf geschlossene Kaltwasser-Umlaufkühlungen, doch bei adiabatischer Spitzenkühlung an Hitzetagen wird zusätzliches Wasser verdampft. In einem Landschaftsraum, dessen Grundwasserhaushalt durch Trockenjahre und historische Trinkwasserentnahmen ohnehin unter Dauerstress steht, stößt jeder zusätzliche industrielle Wasserverbrauch auf tiefes Misstrauen.
Dem gegenüber stand das wirtschaftliche Versprechen: Gewerbesteuer. Doch auch hier hat Ernüchterung Einzug gehalten. Groß-Rechenzentren sind hochgradig kapitalintensiv, aber extrem personalarm. Nach Abschluss der Bauarbeiten arbeiten in den abgeschotteten Hallen meist nur 20 bis 40 Fachkräfte für Anlagensicherheit und Servertausch. Zudem können Betreibergesellschaften ihre gewaltigen Hardware-Investitionen steuerlich über drei Jahre degressiv abschreiben, was dazu führt, dass die Gewerbesteuerzahlungen in den ersten Betriebsjahren oft nahe null verharren.
Bausteine für eine geordnete Regionalplanung
Die Entscheidung in Groß-Gerau bedeutet nicht das Ende der Digitalisierung in Südhessen, aber sie markiert das Ende des planlosen Wildwuchses. Dass es auch anders gehen kann, beweist etwa das Projekt der Stadtwerke in Raunheim: Dort wird Abwärme aus Gewerbebetrieben in ein modular wachsendes Nahwärmenetz integriert, das Quartiere versorgt, ohne die städtischen Finanzen zu überfordern.
Der Regionalverband FrankfurtRheinMain hat mit seiner Handreichung „Kompaktwissen Rechenzentren“ sowie dem Gewerbeflächenentwicklungsprogramm Leitplanken erarbeitet, die Kommunen helfen sollen, klare Kriterien einzufordern: mehrgeschossige Bauweisen zur Schonung des Bodens, Fassaden- und Dachbegrünung, zwingende Anschlussverträge mit Wärmenetzbetreibern vor Baubeginn und strikte Einhaltung von Lärmgrenzwerten.
Solange jedoch jede Stadt und jede Gemeinde im Ried isoliert mit internationalen Fonds verhandeln muss, bleibt die Gefahr des Unterbietungswettbewerbs bestehen. Die Groß-Gerauer Stadtverordneten haben bewiesen, dass ein klares Nein im richtigen Moment Raum schafft für eine Entwicklung, die den Alltag der Menschen vor Ort schützt, statt ihn den Servern unterzuordnen.
Originalbericht
Stadtverordnetenversammlung Groß-Gerau, Amtliche Niederschrift vom 3. Februar 2026 & Bundesgesetzblatt (EnEfG)
Autorin/Autor: Redaktion Regiomelder. Die Fakten zu diesem Beitrag stehen in einer internen Rechercheakte mit Behauptungsregister (A17.md). Alle Aussagen wurden zuletzt am 21.10.2026 an den zitierten Quellen geprüft.
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