Das Wasser unterm Ried: Wie der tägliche Durst von Rhein-Main Südhessen prägt
Über 110 Millionen Kubikmeter Trinkwasser fließen jährlich aus den Brunnenfeldern des Hessischen Rieds in den Ballungsraum Frankfurt. Ein System aus künstlicher Rheinwasser-Infiltration in Biebesheim, Grundwassergrenzwerten und kommunalen Wasserampeln versucht das Gleichgewicht zu halten. Während Sonderkulturen und Riedwälder um jeden Tropfen kämpfen, entscheidet der Pegelstand über Risse in Wohnhäusern und die Zukunft der regionalen Daseinsvorsorge.

Wenn im sommerlichen Frankfurt die Temperaturen über 35 Grad klettern, Millionen Klimaanlagen summen und am Abend zahllose Rasensprenger anspringen, verändert sich tief unter den Feldern zwischen Gernsheim, Groß-Gerau und Lampertheim die Strömungsrichtung des Wassers.
In den großen Gewinnungsanlagen von Hessenwasser und den Verbandswasserwerken laufen die Tiefpumpen unter Volllast. An extremen Hitzetagen schnellt die tägliche Trinkwasserabgabe auf über 410.000 Kubikmeter empor. Mehr als 40 Prozent dieses gigantischen Bedarfs stammen nicht aus dem Taunus oder dem Vogelsberg, sondern aus den sandigen Tiefen des Hessischen Rieds.
Was im städtischen Alltag als selbstverständlicher Handgriff am Wasserhahn beginnt, bildet in Südhessen das Fundament eines jahrzehntelangen, hochsensiblen Balanceakts. Denn der gewaltige Porengrundwasserleiter des Oberrheingrabens, der mit rund 15 Milliarden Kubikmetern das größte Wasservorkommen Hessens darstellt, ist keine unerschöpfliche Quelle. Er ist ein vernetztes Ökosystem, in dem Trinkwasserförderung, industrielle Landwirtschaft, bedrohte Waldlebensräume und der Schutz von Wohnhäusern direkt aufeinandertreffen.
Die gigantische Grundwasser-Wanne
Geologisch betrachtet gleicht das Hessische Ried einer riesigen, mit Kies und Sand gefüllten Wanne. Eingegrenzt vom Rhein im Westen und den Granithängen des Odenwalds im Osten, sammelt sich hier das Sickerwasser der Wintermonate sowie der unterirdische Zustrom aus den Tälern der Bergstraße.
Aus diesem Dargebot deckt die Region nicht nur den Eigenbedarf ihrer Städte und Landkreise, sondern speist über das System der sogenannten Riedleitung die Metropolregion Rhein-Main. Allein die Hessenwasser GmbH & Co. KG beliefert über dieses Verbundnetz rund 2,4 Millionen Menschen in Süd- und Mittelhessen mit jährlich rund 110 Millionen Kubikmetern Trinkwasser.
Wasserwirtschaftliche Kernmengen im Hessischen Ried
Einheit: Mio. m³/Jahr · 4 Werte
| Wert | Zahl (Mio. m³/Jahr) |
|---|---|
| Hessenwasser Gesamtabgabe Trinkwasser | 110,6 |
| Genehmigte Infiltration Biebesheim (Maximalvolumen) | 38 |
| Reale WHR-Infiltration im Trockenjahr 2023 | 28 |
| Landwirtschaftliches Beregnungskontingent Biebesheim | 5 |
Quelle: Hessenwasser, Wasserverband Hessisches Ried (WHR), Regierungspräsidium Darmstadt. Fördermengen und Infiltrationskontingente nach den amtlichen Jahresversorgungsbilanzen von Hessenwasser und den Betriebsberichten des WHR Biebesheim.
Die Herausforderung liegt in der zeitlichen Ungleichzeitigkeit: Während die natürliche Grundwasserneubildung ausschließlich im feuchten Winterhalbjahr stattfindet, explodiert der Verbrauch in den heißen Sommermonaten. Während ein kühler Wintertag mit rund 250.000 Kubikmetern Abgabe auskommt, verlangt ein tropischer Julitag Spitzenleistungen von über 410.000 Kubikmetern. Zu diesem Zeitpunkt sorgt die sommerliche Verdunstung dafür, dass an der Oberfläche kaum noch ein Tropfen Regenwasser bis in den Grundwasserleiter vordringt.
Biebesheim: Wo Rheinwasser den Boden stützt
Um ein unkontrolliertes Absinken der Pegelstände zu verhindern, existiert am Stromkilometer 471 bei Biebesheim eine technische Anlage, die in Europa ihresgleichen sucht: das Brauchwasserwerk des Wasserverbands Hessisches Ried (WHR).
Das Prinzip der Anlage lautet künstliche Grundwasseranreicherung. Dem Rheinstrom werden über ein Schöpfwerk stündlich bis zu 5.400 Kubikmeter Wasser entnommen. In einer aufwendigen verfahrenstechnischen Kaskade wird das Flusswasser zunächst mit Ozon behandelt, um Keime zu inaktivieren und gelöste Moleküle aufzubrechen. Anschließend binden Flockungsmittel feinste Trübstoffe, bevor geschlossene Mehrschicht-Sandfilter das Wasser mechanisch klären.
Auf eine chemische Desinfektion mit Chlor wird bewusst verzichtet, um keine Reaktionsnebenprodukte in das Erdreich einzutragen und die natürliche Grundwasserbiozönose zu schonen. Das gewonnene Reinwasser erfüllt strenge Qualitätskriterien.
Über ein 30 Kilometer langes Fernleitungsnetz mit Durchmessern von bis zu 1,40 Metern wird das aufbereitete Rheinwasser zu 55 Infiltrationsanlagen mit 230 Einzelbauwerken im Ried transportiert. Dort versickert es über Schluckbrunnen, tiefe Kiesbohrungen und offene Sickerbecken gezielt im Boden. In extremen Trockenjahren wie 2023 speiste der Verband auf diese Weise rund 28 Millionen Kubikmeter Wasser ein. Wo immer die Entnahmebrunnen der Wasserwerke den Pegel nach unten ziehen, füllt Biebesheim den Aquifer künstlich wieder auf.
Vom Wasserstreit zum Riedvertrag
Dass heute um jeden Zentimeter Grundwasserstand mit präzisen Messfühlern gerungen wird, ist das Ergebnis harter historischer Konflikte. In den Dürrejahren der 1970er und frühen 1990er Jahre war das System noch unreguliert. Die Brunnen liefen ungebremst, und der Grundwasserspiegel sank mancherorts um fünf bis sieben Meter ab.
- 1971 bis 1976
Schwere Dürrejahre und rasant steigende Förderungen für den Ballungsraum führen zu Grundwasserabsenkungen um bis zu sieben Meter. Tausende Wohnhäuser im Ried erleiden Setzrisse.
- 1979
Gründung des Wasserverbands Hessisches Ried (WHR) und Baubeginn des Brauchwasserwerks Biebesheim zur künstlichen Grundwasseranreicherung mit Rheinwasser.
- 1990 bis 1993
Erneute Trockenkrise. Das flächige Absterben von Schwarzerlen und Eichenwäldern löst massive Bürgerproteste und Demonstrationen gegen die Fernwasserentnahme aus.
- 1999
Unterzeichnung des historischen „Riedvertrags“ zwischen Landesregierung, Versorgern, Kommunen, Bauern und Umweltverbänden. Einführung verbindlicher ökologischer Grenzwasserstände.
- 2023
Rekordbetrieb in Biebesheim: Zur Abpufferung extremer Sommerdefizite werden rund 28 Millionen Kubikmeter aufbereitetes Rheinwasser in den Aquifer infiltriert.
- 2025
Das Bundesverwaltungsgericht bestätigt letztinstanzlich die Förderrechte im mittleren Ried auf Basis der funktionsfähigen Infiltrations- und Überwachungskette.
- Quelle: Wasserverband Hessisches Ried (WHR), Regierungspräsidium Darmstadt, BUND Hessen
Die Folgen waren verheerend: Im lehmigen Untergrund schrumpften feuchte Tonschichten zusammen. An tausenden Wohnhäusern und Scheunen im Ried taten sich klaffende Setzungsrisse auf. Gleichzeitig vertrockneten Feuchtbiotope, und in den Wäldern starben alte Baumbestände flächig ab. Es folgten wütende Bürgerproteste, Mahnwachen an Wasserwerken und jahrelange juristische Auseinandersetzungen.
Die Wende brachte 1999 der historische „Riedvertrag“. Das Regierungspräsidium Darmstadt goss das Abkommen in einen verbindlichen Bewirtschaftungsplan. Seither gelten an hunderten Messstellen feste ökologische Richt- und Grenzwasserstände. Werden sie unterschritten, greifen automatisch gestufte Reduktionspflichten für die Trinkwasserförderung oder die Pflicht zur künstlichen Stützung. Gleichzeitig definieren obere Grenzwerte den Vernässungsschutz, damit bei Starkregen keine Keller geflutet werden.
Spargel, Erdbeeren und 290 Kilometer Druckrohre
Neben den Trinkwasserbrunnen fordert ein weiterer Akteur seinen Anteil: die südhessische Landwirtschaft. Das Ried zählt zu den sonnenreichsten Regionen Deutschlands. Auf den sandigen, leicht erwärmbaren Böden hat sich ein intensiver Anbau von Sonderkulturen entwickelt: Bleich- und Grünspargel, Erdbeeren, Frühkartoffeln, Salate und Freilandgemüse prägen das Landschaftsbild.
Da die flach wurzelnden Pflanzen auf den durchlässigen Sandböden rasch vertrocknen, existiert ein eigenes Beregnungsnetz. Der Beregnungswasserverband Hessisches Ried betreibt im mittleren Ried ein rund 290 Kilometer langes Druckleitungsnetz. Aus dem Werk Biebesheim stehen den Landwirten jährlich bis zu fünf Millionen Kubikmeter aufbereitetes Rheinwasser zur Verfügung.
Trotz dieser Entkopplung bleibt das System angespannt. In sommerlichen Hitzephasen fallen die Beregnungsspitzen der Felder zeitlich exakt mit den Rekordtagen der Frankfurter Trinkwassernachfrage zusammen. Hinzu kommt ein qualitatives Problem: Durch die jahrzehntelange intensive Düngung befinden sich alle fünf Grundwasserkörper des Rieds bezüglich des Nitratgehalts in einem schlechten chemischen Zustand. Um Grenzwertüberschreitungen an den Trinkwasserbrunnen zu verhindern, finanzieren Land und Versorger umfangreiche Kooperationsprogramme mit den Landwirten.
Entkoppelte Wurzeln im Riedwald
Während Landwirtschaft und Wasserwerke technisch abgesichert sind, tragen die Wälder des Rieds die schwerste Last. Buchen- und Eichenbestände im Gernsheimer Wald, bei Lampertheim oder Groß-Gerau wurden über Jahrhunderte von einem oberflächennahen Grundwasserstand in ein bis zwei Metern Tiefe genährt.
Durch historische Absenkungen und die Dürresommer des Klimawandels sank der Wasserspiegel vielerorts auf vier bis fünf Meter Tiefe ab. Die alten Baumriesen können ihr Wurzelwerk physiologisch nicht schnell genug in tiefere Schichten nachführen. Die Wurzeln verlieren den Kontakt zum kapillaren Grundwassersaum.
Die Folge ist ein dramatischer Vitalitätsverlust: Kronen verlichten, Äste brechen dürr herab, und Schädlinge wie der Prachtkäfer bringen geschwächte Bäume zum Absterben. Naturschutzverbände schätzen die geschädigte Waldfläche im Ried auf über 10.000 Hektar. Die künstliche Infiltration stabilisiert zwar die Trassenkorridore, kann die flächige Grundwasserentkopplung abseits der Leitungen aber nur teilweise ausgleichen.
Alltag mit der Wasserampel
Für die Bürgerinnen und Bürger in Südhessen ist die Grundwasserthematik längst im Alltag angekommen. Immer mehr Kommunen im Landkreis Groß-Gerau, an der Bergstraße und in Darmstadt-Dieburg nutzen dreistufige Trinkwasserampeln.
Springt die Ampel an heißen Hochsommertagen auf Rot, erlassen die Rathäuser verbindliche Gefahrenabwehrverordnungen: Das Sprengen privater Rasenflächen, das Nachfüllen von Gartenpools und die Fahrzeugwäsche auf dem Grundstück sind dann untersagt. Ordnungsämter kontrollieren die Einhaltung und verhängen Bußgelder.
Gleichzeitig wächst die Förderung dezentraler Wasserspeicher. Die Wissenschaftsstadt Darmstadt bezuschusst private Regenwasserzisternen ab 2.000 Litern mit bis zu 500 Euro plus Bonus für die Toilettenspülung; die Gemeinde Bischofsheim erstattet bis zu 25 Prozent der Anlagekosten. Wer die detaillierten Pegelverläufe und hydrogeologischen Schichtungen studieren möchte, findet in den Grundwasserkarten des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie ein transparentes Register des unterirdischen Zustands.
Das Hessische Ried zeigt eindrücklich: Die Ressource Wasser ist im Herzen Europas keine Selbstverständlichkeit mehr. Jeder Liter, der in der Großstadt aus der Leitung fließt, ist das Resultat eines komplexen hydraulischen Regelwerks, das Natur, Technik und Alltag in Südhessen Tag für Tag neu austarieren muss.
Originalbericht
Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie: Grundwasserkarten Hessische Rheinebene
Autorin/Autor: Redaktion Regiomelder. Die Fakten zu diesem Beitrag stehen in einer internen Rechercheakte mit Behauptungsregister (A11.md). Alle Aussagen wurden zuletzt am 31.08.2026 an den zitierten Quellen geprüft.
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