Zwei Städte, eine Bahnlinie: Das ideale Herbstwochenende zwischen Michelstadt und Erbach
Spätgotische Zimmermannskunst auf drei Eichenpfeilern, eine karolingische Basilika von 827 und ein barockes Residenzschloss voller Elfenbeinschnitzereien: Das Mümlingtal lässt sich an zwei Tagen vollkommen autofrei mit der Odenwaldbahn erkunden. Eine kulturhistorische Wochenend-Reise mit Etappenplan, Bauforschung und Wegeführung.

Wenn sich der Frühherbst über das Mümlingtal legt, wechselt die Vegetation an den steilen Hängen des Sandstein-Odenwaldes fast täglich ihre Farben. Wo die Mischwälder aus Buchen, Eichen und Kiefern sanft in die Talaue übergehen, liegen zwei südhessische Städte so dicht beieinander, dass ihre Siedlungsränder heute fast nahtlos ineinanderfließen: Michelstadt und Erbach.
Trotz dieser räumlichen Nachbarschaft könnten die beiden Zentren kulturhistorisch kaum unterschiedlicher geprägt sein. Hier die freie bürgerliche Handels- und Handwerkerstadt Michelstadt mit ihrem unverwechselbaren spätgotischen Holzbau, dort die gräfliche Residenz Erbach mit prunkvollem Barockschloss, Antikensammlung und einer bis ins späte 18. Jahrhundert zurückreichenden Tradition der Elfenbeinschnitzerei.
Dazwischen, im heutigen Stadtteil Steinbach, steht eines der bedeutendsten architektonischen Monumente des frühen Mittelalters: die karolingische Basilika des Gelehrten Einhard aus dem Jahr 827. Wer diese dichte Geschichtslandschaft im Herbst erleben möchte, benötigt dafür keinen Pkw und keine zeitraubende Parkplatzsuche. Die Odenwaldbahn verbindet Darmstadt Hauptbahnhof in exakt 54 Minuten Fahrzeit im festen Stundentakt mit dem Tal. Vom Bahnhof Michelstadt bis zum Schloss Erbach führt zudem ein ebener, 2,5 Kilometer langer Fuß- und Radweg am Ufer der Mümling entlang, der beide Stadtkerne in einem gemächlichen Spaziergang miteinander verknüpft.
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Die Meisterleistung von 1484: Michelstadts Rathaus auf drei Pfeilern
Der Rundgang beginnt am Marktplatz von Michelstadt. Wer aus den engen, kopfsteingepflasterten Gassen der Altstadt auf den Platz tritt, blickt auf eines der kühnsten Holzbauwerke des europäischen Spätmittelalters. Das Historische Rathaus von Michelstadt, fertiggestellt im Jahr 1484, wirkt aus der Ferne wie ein dreigeschossiger Festungsbau aus Fachwerk mit hohem Walmdach und zwei spitz aufragenden Erkertürmchen.
Tritt man jedoch näher an das Gebäude heran, offenbart sich die konstruktive Besonderheit: Das gesamte Erdgeschoss ist vollkommen offen. Das gewaltige Gewicht der beiden oberen Stockwerke und des mächtigen Dachstuhls ruht nicht auf durchgehenden Außenwänden, sondern im Inneren auf genau drei freistehenden, massiven Eichenholzpfeilern.
Diese Konstruktion war kein ästhetischer Selbstzweck, sondern folgte einer klaren kommunalen Funktion. Im ausgehenden 15. Jahrhundert benötigte die aufstrebende Bürgerschaft von Michelstadt zugleich eine wettergeschützte Markthalle für den Handel mit Tuchen, Korn und Lebensmitteln sowie repräsentative Amtsstuben für den Stadtrat. Unter der gemeinsamen Schirmherrschaft von Schenk Adolar von Erbach und dem Wormser Bischof Johann III. von Dalberg fand der namentlich leider nicht überlieferte Baumeister eine statisch brillante Lösung.
Die drei zentralen Eichenstämme leiten über weit ausgreifende Kopfstreben und Unterzüge die Lasten der oberen Geschosse in den Baugrund ab. So entstand im Erdgeschoss ein durchgängiger Verkehrsraum für Händler und Bürger, während im ersten Obergeschoss der holzgetäfelte Ratssaal eingerichtet wurde. Vor dem Rathaus plätschert der Brunnen mit der Sandsteinfigur des Stadtpatrons Erzengel Michael, gestiftet im Jahr 1575 von Graf Georg II. zu Erbach.
Nur wenige Schritte hinter dem Rathaus öffnet sich der Kellereihof, die ehemalige fränkische Burganlage. Hier steht der Diebsturm, dessen Basismauerwerk von Bauforschern auf die Zeit um 950 n. Chr. datiert wird. Ab 1312 diente er der Stadt als Gefängnis. Biegt man von dort in die Mauerstraße ein, gelangt man zu einem weiteren herausragenden Kulturdenkmal: der 1791 eingeweihten Landsynagoge, einem spätbarocken Mansarddachbau, der die Pogrome des Jahres 1938 baulich überstand. In Michelstadt wirkte über Jahrzehnte Rabbiner Seckel Löb Wormser (1768 bis 1847), der als "Baalschem von Michelstadt" weit über die Grenzen des Odenwaldes hinaus als Gelehrter und Wunderrabbiner verehrt wurde.
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Das Wunder von Steinbach: Einhards Basilika aus dem 9. Jahrhundert
Vom Bahnhof Michelstadt fährt die Regionalbahn in zwei Minuten zum Haltepunkt Steinbach; zu Fuß benötigt man für den Spaziergang durch die Wiesen der Mümling etwa zwanzig Minuten. Hier, im Schatten des spätgotischen Renaissance-Wasserschlosses Fürstenau, verbirgt sich ein Bauwerk von europäischem Rang: die Einhardsbasilika.
Einhard, Vertrauter, Berater und späterer Biograf Kaiser Karls des Großen, erhielt die Mark Michelstadt im Jahr 815 als persönliche Schenkung von Karls Sohn und Nachfolger, Kaiser Ludwig dem Frommen. Zwischen 824 und 827 ließ Einhard in Steinbach eine dreischiffige Pfeilerbasilika mit Querhaus, drei Apsiden und einer kreuzförmigen Hallenkrypta errichten. Das Bauwerk sollte als würdige Grabstätte für Reliquien der römischen Märtyrer Marcellinus und Petrus dienen, die Einhard auf abenteuerlichen Wegen aus den Katakomben Roms in den Odenwald überführen ließ.
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Doch die Reliquien blieben nicht lange im Mümlingtal. Berichten Einhards zufolge verkündeten nächtliche Alpträume und unerklärliche Lichterscheinungen den göttlichen Willen, die Gebeine an einen anderen Ort zu verlegen. Am 16. Januar 828 wurden die Märtyrer nach Ober-Mulinheim am Main gebracht, dem heutigen Seligenstadt, wo Einhard eine weitere Basilika errichten ließ. Die Steinbacher Kirche verlor ihre Funktion als Wallfahrtsort und geriet über die Jahrhunderte in Vergessenheit. Zeitweise diente sie als Hospital, Scheune und Schafstall, bis der Darmstädter Kunsthistoriker Georg Schäfer am 4. Juni 1873 das Mauerwerk untersuchte und die karolingische Bausubstanz zweifelsfrei wiederentdeckte.
Für die heutige Denkmalpflege ist das Gebäude ein Glücksfall. Da nach dem Wegzug der Reliquien keine großen Umbauten mehr vorgenommen wurden, blieb das karolingische Kernmauerwerk bis in die Obergadenfenster erhalten. Auch das Eichendachwerk birgt eine wissenschaftliche Sensation: Dendrochronologische Untersuchungen datierten die Fällung der Tragbalken auf das Jahr 1168. Es handelt sich damit um einen der ältesten im Original erhaltenen Holzfachwerk-Dachstühle in ganz Deutschland. Ausführliche Informationen zu Besichtigungszeiten und Baugeschichte bietet das offizielle Nibelungensteig-Portal für die Einhardsbasilika.
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Flussabwärts nach Erbach: Residenz, Rittersaal und Hirschgalerie
Der zweite Tag des Wochenendes gehört der Grafenstadt Erbach. Wer den Tag in Michelstadt beginnt, verlässt die Altstadt südwärts und folgt dem Mümling-Tal-Weg. Auf 2,5 Kilometern führt die asphaltierte und autofreie Trasse durch die Talaue. Nach einer Gehzeit von gut 35 Minuten erreicht man die Schlossparkanlagen und den monumentalen Marktplatz von Erbach.
Das Residenzschloss der Grafen zu Erbach-Erbach spiegelt achthundert Jahre Baugeschichte an einem einzigen Ort wider. Die Anlage geht auf eine um 1200 errichtete staufische Wasserburg zurück, deren mächtiger runder Bergfried aus Sandstein-Buckelquadern bis heute das Stadtbild dominiert. Zwischen 1736 und 1740 ließ Graf Philipp Balthasar die verfallenen mittelalterlichen Wehranlagen durch den Baumeister Johann Philipp Meyer in ein repräsentatives dreiflügeliges Barockschloss umgestalten.
Ihre kunsthistorische Einzigartigkeit verdankt die Residenz jedoch Graf Franz I. zu Erbach-Erbach (1754 bis 1823). Der hochgebildete Aristokrat gestaltete die Innenräume ab 1805 zu einem Gesamtkunstwerk der Romantik um. Im Neugotischen Rittersaal, vollendet 1805 nach Entwürfen des Malers Johann Wilhelm Wendt, schuf Franz I. einen der frühesten historisierenden Säle im deutschen Sprachraum, ausgestattet mit kostbaren Buntglasfenstern des 15. und 16. Jahrhunderts sowie einer bedeutenden Rüstungssammlung.
Gleich daneben befinden sich die Römischen Zimmer mit originalen Büsten und Reliefs antiker Kaiser, die der Graf auf Bildungsreisen in Italien erwarb. Ein faszinierendes Dokument forstlicher Sammelleidenschaft ist die 1847 eingerichtete Hirschgalerie: An den Wänden hängen hunderte kapitaler Geweihe aus ganz Europa, die Graf Franz I. und seine Nachfolger nach wissenschaftlichen Kriterien katalogisieren ließen. In der Schlosskapelle schließlich steht der prachtvolle Schöllenbacher Wandelaltar, ein Meisterwerk süddeutscher Schnitzkunst aus dem Jahr 1515.
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Die Zunft der Elfenbeindreher: Handwerk zwischen Tradition und Artenschutz
Direkt im Residenzschloss befindet sich ein Museum, das man in einem hessischen Mittelgebirge auf den ersten Blick nicht vermuten würde: das Deutsche Elfenbeinmuseum, das 2016 in neuen Schauräumen wiedereröffnet wurde.
Die Ursprünge dieses Spezialhandwerks gehen ebenfalls auf Graf Franz I. zurück. Nach einer Reise nach Wien und in die Niederlande erkannte der Graf das Potenzial der Drechsel- und Schnitzkunst für seine strukturschwache Odenwälder Grafschaft. Im Jahr 1783 erteilte er den Bürgern von Erbach das gräfliche Zunftprivileg zur Elfenbeinverarbeitung. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich der abgelegene Ort zum führenden Zentrum der europäischen Elfenbeinschnitzerei.
Die Erbacher Meister schufen filigrane Prunkdosen, Schmuckstücke, Fächer und die berühmten Rosenreliefs, bei denen hauchdünne Blütenblätter aus einem einzigen Stück herausgearbeitet wurden. Mit der Verabschiedung des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES) und dem strikten Verbot des Handels mit Elfenbein lebender Elefanten vollzog das Handwerk in Erbach ab Ende des 20. Jahrhunderts einen grundlegenden ökologischen Wandel.
Heute arbeiten die verbliebenen Schnitzerinnen und Schnitzer im Odenwald ausschließlich mit zwei legalen und nachhaltigen Werkstoffen: fossilem Mammutelfenbein, das aus den tauenden Permafrostböden Nordsibiriens geborgen wird und von Tieren stammt, die vor mindestens zehntausend Jahren starben, sowie der Taguanuss. Diese Steinnuss ist der Samen einer südamerikanischen Palmenart, der nach dem Trocknen eine elfenbeinartige Härte annimmt und sich hervorragend polieren lässt. Die Dauerausstellung im Schloss führt diesen Wandel von fürstlicher Sammellust zu moderner Artenschutz-Ethik anschaulich vor Augen.
Praktische Hinweise für das Herbstwochenende
Die Anreise mit dem öffentlichen Nahverkehr ist für ein Wochenende im Mümlingtal die entspannteste Option. Die Züge der Odenwaldbahn (Linie RB 81) fahren ab Darmstadt Hauptbahnhof stündlich und bedienen auf der 56 Kilometer langen Strecke die Bahnhöfe Michelstadt und Erbach (Odw). Auch ab Frankfurt Hauptbahnhof bestehen mit der Linie RE 64 direkte Verbindungen ohne Umstieg. Fahrräder werden in den modernen Triebwagen außerhalb der Berufsverkehrszeiten kostenfrei mitgenommen, sofern Stellplätze verfügbar sind.
Wer zu Fuß zwischen beiden Städten wandert, folgt ab dem Marktplatz Michelstadt der Beschilderung des Mümling-Tal-Wegs. Der Weg verläuft vollkommen flach am Flussbett entlang, ist nachts beleuchtet und eignet sich ideal als lockerer Verdauungsspaziergang nach einer Einkehr in einer der traditionellen Gaststätten, die im Herbst frische Odenwälder Wildgerichte und Apfelwein anbieten.
Vor der Heimreise lohnt sich am späten Sonntagnachmittag ein Blick auf den Marktplatzbrunnen von Erbach und das herbstliche Wasser der Mümling, bevor man in fünf Gehminuten den Bahnhof Erbach erreicht. Wenn der Zug der Odenwaldbahn durch die Tunnel und über die Viadukte des vorderen Odenwaldes zurück ins Rhein-Main-Gebiet gleitet, wird deutlich: Manchmal liegt die reichste Geschichte Südhessens nur eine knappe Bahnstunde vor der eigenen Haustür.
Quellen und Nachweise
- Stadtarchiv Michelstadt: Urkundenbestand Ratsakten 1484 zur Errichtung des Rathauses auf drei freistehenden Eichenholzpfeilern.
- Landesamt für Denkmalpflege Hessen: Denkmalfachliche Topographie Odenwaldkreis, Bauforschung Rathaus und Diebsturm.
- Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen: Bauforschungsberichte zur Einhardsbasilika Steinbach und Schloss Erbach.
- Jahrringlabor der Universität zu Köln: Dendrochronologische Altersbestimmung des Dachwerks der Einhardsbasilika (1168 d).
- Deutsches Elfenbeinmuseum Erbach: Gräfliches Zunftprivileg von 1783, Werkstoffgeschichte und CITES-Dokumentation.
- Rhein-Main-Verkehrsverbund: Fahrplanlinie RB 81, Streckentabelle 3550 der Odenwaldbahn.
Originalbericht
Tourismusagentur Bergstraße-Odenwald: Das historische Mümlingtal und die Einhardsbasilika
Autorin/Autor: Redaktion Regiomelder. Die Fakten zu diesem Beitrag stehen in einer internen Rechercheakte mit Behauptungsregister (A15.md). Alle Aussagen wurden zuletzt am 28.09.2026 an den zitierten Quellen geprüft.
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